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Manege frei in der Marienschule

Zirkus ZappZarap fördert Kinder und Jugendliche in vielfältiger Weise 

Die Aula der Marienschule ist nicht wiederzuerkennen: Stufenweise erhöhte Sitzbänke, laute mitreißende Musik, Scheinwerfer, samtene Vorhänge, ein Manegenteppich und darauf mit bunten Pailettenwesten geschmückte Kinder mit großen Augen und in höchster Konzentration: Sie klettern auf drei, vier Ebenen Leitern hoch, formen daraus waghalsig wankende Pyramiden, ein Piratenschiff mit Aussichtsturm und posieren als Seeräuberinnen auf das „Hepp“ der Mitschülerinnen. Dahinter stehen aufmerksam die zwei Lehrerinnen, die in diesem Moment nichts tun als Sicherheit zu geben, während die Kinder vor Publikum aufführen, was sie sich vor einer Woche noch nicht erträumt hätten zu können: Leiterakrobaten, Trapezkünstlerinnen, Zauberer, Rope Skipper und Clowns. Sie können jetzt jonglieren und Teller drehen, kunstvoll BMX- und Einradfahren, seiltanzen und kugellaufen. 

„Kannst Du nicht war gestern“ ist das Motto des Zirkus ZappZarap, der in der Woche vom 20. bis zum 24. Januar in dem katholischen Gymnasium an der Hubertusstrasse gastierte. Nein, nicht gastierte, sondern gastieren ließ. Denn die Grundidee des Zirkus und der Schule ist natürlich – auch – pädagogischer Art. Isabel Leiner leitet zusammen mit ihrer Kollegin Ina Haslach das Projekt. Sie unterrichtet nicht nur Französisch und Spanisch, sondern leitet auch die Zirkus-AG und hatte die Idee zu diesem Projekt. Sie bewarb sich für die Schule bei der AOK, die Projekte sponsort, die Bewegung fördern. Die AOK unterstützte die Zirkuswoche an der Marienschule mit einer großzügigen Summe und machte so das Projekt finanziell möglich.   

Isabel Leiner ist selbst im Zirkus Krone aufgetreten und weiß um die persönlichkeitsstärkende Wirkung der Manege auf die Persönlichkeit des Kindes. Neben den artistischen Fähigkeiten an sich lernen die Schüler ein sicheres und selbstbewusstes Auftreten vor Publikum. „Es übertrifft alle Erwartungen, was da an versteckten Talenten zum Vorschein gekommen ist“, sagt sie. Und das bestätigen viele Lehrer, auch Oliver Lux: „Es ist erstaunlich, wie unheimlich schnell die Kinder Fortschritte machen“, bestätigte er schon in der Probenwoche. Alle vier sechsten Klassen durften an dem Projekt teilnehmen sowie die Mitglieder der Zirkus-AG.  

Wer mit den Leiterakrobatinnen in der Woche ins Gespräch kam, hörte Erstaunliches: „Ich hätte nicht erwartet, dass es so cool wird“, sagt Hannah. Und: Eigentlich könne es jeder, man müsse nicht besonders sportlich sein. „Wenn man’s kann, ist es einfach“, urteilt Tarja aus der Erfahrung von wenigen Tagen. Verletzungen habe es auch nicht gegeben, nur ein paar Blasen von den Leitern. Das Wichtigste sei, ergänzt Ronja „dass wir auf die anderen achten, dass sie sich nicht verletzen. Die Sicherheit steht an oberster Stelle.“ Jeder ist mal in jeder Position in der Gruppe, mal als Akrobat im Vordergrund, mal als der, der die Leiter hält, mal als „Hepp“-Sager, also der, der die Kommandos gibt. „Außerdem ist das Vertrauen ganz wichtig, auch weil wir uns ja vorher nicht alle kannten. Das Vertrauen, dass die anderen mich halten“, betonen die Akrobatinnen.  

Diesen Lerneffekt bestätigen auch die Lehrer: Da war ein Schüler krank und konnte nicht alles proben – „kannst meine Rolle haben“, hörte die Lehrerin. Da dürften Kinder mit den Rädern eine Wippe überwinden, alle konntes es, aber es durften nur drei Kinder in der Vorführung die Nummer zeigen. Das war kein Problem. Teambildung.  

Apropos Teambildung. Zwanzig Lehrer aus dem Kollegium bildeten sich einen Nachmittag fort, um selbst den Schülern am Montagmorgen vorführen zu können, wohin die Reise gehen soll. Wer hat schonmal seinen Mathelehrer auf einer Kugel balancieren sehen? Sie lernten alle Genres kennen um ihre Tricks dann weiterzugeben, während die Kollegen sie vertraten, die Technik-AG unterstützte, die Abiturienten das Catering in die Hand, Hausmeister und Sekretärin halfen und der Stundenplaner organisatorische Höchstleistungen vollbrachte. „Das Schöne war, dass wir auch die Rolle der Lernenden gingen“, berichtet Bettina Kürschner – und dann sofort vermitteln mussten. Aber darin sind Lehrer ja Profis.  

Ohne die Unterstützung engagierter Eltern wäre das Projekt so nicht möglich gewesen. Ein Vater, Herr Wendel, hat eine ganze Woche alle Termine gecancelt, um die Marienschüler zu unterstützen. „Ich habe drei Töchter zuhause und jetzt hatte ich dreizehn Jungs.“ Er leitete die Zaubergruppe, immer mit Unterstützung der „echten“ Zirkusleute. Da wurden Tricks gezeigt, geübt, erst allgemein und dann im Detail berichten Neal, Ben und Lennard. „Ich fand gut, dass wir eigene Tricks mit einbringen konnten, z.B. ich meinen von Zuhause. Stichwort: Mordauftrag“, lobt Lennard das Projekt. Ben ist die Spannung anzusehen: „Ich freue mich darauf, dass meine Eltern staunen und mich fragen wie das geht.“  

Auch Brigitte Stauber hat als Mutter beim Zirkusprojekt geholfen. „In der 6. Klasse ist es ja schon grenzwertig für Kinder sich zu zeigen, aber es geht umheimlich gut. Ich habe rumgefragt, ob jemand unzufrieden ist, aber ich höre nichts. Im Gegenteil, die sind traurig, dass das Projekt nach einer Woche zuende ist.“ Und: Die Zirkusleute seien eine große Autorität für die Kinder.  

Die Zirkusleute, das sind Marta, Lotta und Hans, als Leiter – alles Menschen mit Zirkuserfahrung und zirkuspädagogischer Ausbildung. Europaweit sind sie mit dem Zirkus unterwegs, in Spanien, wo Marta herkommt, in Italien, Österreich und Dänemark. Hans, eigentlich Hans-Peter Lutz, ist Teamleiter und war als Akrobat unterwegs, als Seiltänzer, Clown, Artist und am Trapez. „Wir wollen einfach mal Grenzen sprengen“, sagt er, „die Grenzen, die die Schule sonst hat.“ Die Schüler der Marienschule seien phantastisch, geschmeidig. „Wir sind schon auch an weiterführenden Schulen, aber auch viel an Grundschulen. Hier kann man mehr machen, die lernen schnell.“ Marta ergänzt: „Man merkt, dass es eine Zirkus-AG gibt.“  

Hans war bei den Proben mit Kritik nicht zimperlich. „He, was hab ich Dir gesagt“, hörte man in da bei einer der täglichen „Manegenkostproben“. Er stellt sich in die Manege und immitiert die unruhigen Bewegungen der moderierenden Schülerin. Lacher gelten dem ehemaligen Clown. „Bleib stehen! Mach’s nochmal …. Und nochmal….Na, geht doch.“ Das beobachten auch die Kinder wie Emma: „Die Kritik ist sehr direkt, aber man bekommt auch gesagt, dass man es nicht persönlich nehmen soll. Die sind voll nett. Man muss immer lächeln, auch wenn etwas schief geht.“ Und sie hat den Spruch behalten „Geheult wird hinterm Vorhang“.  

Und da sind sie wieder, die Fähigkeiten, die der Zirkus vermittelt: Kritik annehmen von Fremden, einen Auftritt organisieren, sich in neuen Zusammenhängen erleben, sich motivieren über eine Woche und Verantwortung übernehmen, nicht nur für die Zirkusnummer selbst, sondern auch die kleinen organisatorischen Dinge drumrum. Deswegen hat auch Schulleiter Ralf Juntermanns das Projekt begrüßt und die Kollegen ermutigt: „Weil die Schüler hier in anderen Begabungen als sonst, z.B. in Körperbeherrschung gefördert werden, hat es uns interessiert. Das sind Kompetenzen, die in anderen Fächern nicht so zum Tragen kommen Ich glaube, dass, wenn man einmal ein Zirkusstück vorgeführt hat, viel an Mut und Präsentationsfähigkeit gewinnt. Das ist ein Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung.“ Auch André Hoffmann, der Klassenlehrer einer 6. Klasse ist hat festgestellt, wie konzentriert die Kinder bei der Sache sind: „Das gibt guten Zusammenhalt in der Klasse, die kleinen Absprachen, wann wird was weggeräumt, wo sind die Sachen hinter dem Vorhang. Am Anfang ist es noch ne Spielerei, aber dann gibt es einen Punkt, da wird’s ernst. Die geben alles. Es macht einen einfach unglaublich stolz, die Kinder zu sehen.“ 

Dabei passt das Projekt hervorragend ins Konzept der Marienschule, die sich konzeptionell unter anderem in den Bereichen individuelle Förderung, aber auch Schule und Leistungssport hervorgetan hat. Zwei Kollegen der Marienschule bilden sich zur Zeit zum Thema „Bewegung als Medium kognitiver Förderung“ in Zusammenarbeit mit der Uni Münster fort. Dabei geht es um die Frage, wie Bewegung systematisch und lernunterstützend genutzt werden kann, und zwar nicht nur im Sportunterricht. Denn ein bewegliches, sportliches Kind kann auch besser sogenannte „Exekutive Funktionen“ ausüben. Mit diesem Fachbegriff werden in der Hirnforschung und Neuropsychologie geistige Funktionen bezeichnet, mit denen Menschen ihr eigenes Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen ihrer Umwelt steuern. Konzepte zum Thema „Bewegung und Lernen“ zielen sowohl auf mentale Stärke (beweglich sein, d.h. auch flexibel sein im Kopf), als auch auf körperliche Fitness (gesund, reaktionsschnell sein, d.h. auch situativ angemessen reagieren können).  

Beethovens 5. in Rockversion. Ein Mädchen nach dem anderen betritt durch die schwarzen Vorhänge die Manege, klettert in wenigen sicheren Handgriffen aus Trapez, spreizt die Beine, hängt sich ein, liegt waagerecht darauf, klettert hoch, strahlender Stolz unter den freudig staunenden Blicken der Eltern.  

„Da habt Ihr Grenzen gesprengt, im positiven Sinne“, bedankt sich Isabel Leiner beim Finale. Gigantischer Applaus.